EINSAMKEIT

by redhairedprince

Das freie Sängerleben besteht aus drei Zeitzonen:

1. Teil einer Neuproduktion: in der Probenphase dieser Zone lebt man (ausser man ist in der außerordentlich glücklichen Position in der Heimatstadt als Gast singen zu dürfen) woanders als zuhause. Meist in einer vom Theater vermittelten, oder dem Theater gehörenden Wohnung von wechselndem Luxus und äußerst dubioser Ausstattung.In dieser Zeit fühle ich mich seltsamerweise am wenigsten einsam. Der Tag ist meist ausgefüllt mit Probentätigkeit, Spaß mit den anderen Sängern und Kollegen, oder lernen – mal ganz abgesehen vom drigend notwendigen Ruhen. Klar, die Liebe daheim fehlt mir schlimm, aber mit der Zeit hat sich Routine mit dem Chatten und dem Skypen etc. entwickelt und die Trennungsphasen können ja nun auch von Wochenendheimaturlaub unterbrochen sein. Im großen und ganzen geht’s also….

2. Viele Gastspiele an mehreren Orten zeitlich dicht gedrängt…. Jetzt wird’s schon einsamer. Meistens lebe ich in Hotels und Pensionen. Am Tag vor der Vorstellung komme ich da an, muß natürlich brav sein, das heißt nicht zuviel reden, essen und natürlich nix Alkohol und am Tag nach der Vorstellung reise ich wieder ab. Die Geselligkeit der Kollegen nach der Vorstellung hängt von deren Müdigkeitslevel ab und oft genug trinke ich mein Bier alleine. Zieht sich dieser Zustand über Wochen und gar Monate hin, nenne ich das Entwurzelungseinsamkeit.

3. Pausen zwischen den Gastspielen mit intensiver Lern – und Verwaltungsbeschäftigung zuhause…. Einsamer geht’s nimmer ! Alles wird alleine erarbeitet, tausend Sachen gehen Dir im Kopf rum. Die arme Ehefrau lebt in ihrer Berufswelt und ist oft zu müde um Deinem aufgestauten Gequassel zu lauschen… die Freunde gehen auch alle geregelter Arbeit nach und sind nicht bereit, sich die Karriere durch spontane Nachmittagsbesäufnisse zu verderben. Die brutale Selbstdisziplin, die die Eigenmotivation verlangt und die ständige innere Nervosität, die mit der künstlerischen Arbeit einhergeht, erzeugt tiefe, gefährliche Einsamkeitsgefühle, vor denen ich mich immer mehr hüten muß… diese nenne ich Heimatseinsamkeit.